Genogramm: Familienmuster sichtbar machen und selbst erstellen
Ein Genogramm ist mehr als ein Stammbaum: Es zeigt nicht nur, wer mit wem verwandt ist, sondern auch, wie die Beziehungen in einer Familie sind. So lesen Sie die Symbole – und so skizzieren Sie Ihr eigenes.

Manche Themen ziehen sich durch eine Familie wie ein roter Faden – bestimmte Rollen, ähnliche Konflikte oder auch verborgene Stärken, die über Generationen weitergegeben werden. Ein Genogramm macht solche Zusammenhänge auf einem Blatt Papier sichtbar. Dieser Beitrag erklärt, was ein Genogramm ist, was die Symbole bedeuten und wie Sie selbst eine einfache Skizze anfertigen.
Was ist ein Genogramm?
Ein Genogramm ist ein grafischer Familien-Stammbaum, der in der Regel drei Generationen umfasst – also Sie, Ihre Eltern und Ihre Großeltern. Der entscheidende Unterschied zu einem gewöhnlichen Stammbaum: Ein Genogramm zeigt nicht nur, wer mit wem verwandt ist, sondern macht auch Beziehungen, wiederkehrende Muster und wichtige Ereignisse sichtbar. Entwickelt wurde diese Darstellungsform in der Familientherapie, maßgeblich geprägt von den Fachleuten Monica McGoldrick und Randy Gerson.
Auf einem einzigen Blatt lässt sich so ablesen, wie ein Familiensystem aufgebaut ist: welche Personen dazugehören, wie eng oder wie angespannt ihre Beziehungen sind und welche Ereignisse – Geburten, Trennungen, Todesfälle oder Umzüge – das Familienleben geprägt haben. Wie diese systemische Sicht auf Familien entstanden ist, zeichnet unser Beitrag zur Geschichte der Familientherapie nach.
Genogramm oder Stammbaum – wo liegt der Unterschied?
Beide beginnen ähnlich: mit Kästchen und Kreisen, die über Linien verbunden sind. Ein klassischer Stammbaum beantwortet aber vor allem eine Frage – wer stammt von wem ab. Ein Genogramm geht einen Schritt weiter und ergänzt die reine Verwandtschaft um zusätzliche Ebenen:
- Beziehungsqualität: Ist eine Bindung eng, distanziert oder konflikthaft?
- Rollen und Muster: Wer übernimmt in der Familie welche Aufgabe – und wiederholt sich das über Generationen?
- Wichtige Ereignisse und Merkmale: etwa Berufe, Herkunft, einschneidende Lebensereignisse oder Erkrankungen.
Aus dem Genogramm wird dadurch eine anschauliche Landkarte des Familiensystems – nicht nur ein Verzeichnis der Abstammung. Gerade wiederkehrende Muster in der Kommunikation in der Familie lassen sich so leichter erkennen und benennen.
Die wichtigsten Symbole und ihre Bedeutung
Genogramme folgen einer weitgehend einheitlichen Symbolsprache. Für einen ersten Überblick genügen wenige Grundzeichen. Die folgende Übersicht fasst die gebräuchlichsten zusammen.
| Symbol | Bedeutung |
|---|---|
| Quadrat | Männliche Person (Mann, Junge) |
| Kreis | Weibliche Person (Frau, Mädchen) |
| Durchgezogene waagerechte Linie | Ehe oder feste Partnerschaft zwischen zwei Personen |
| Gestrichelte waagerechte Linie | Nicht formalisierte Beziehung, Verlobung oder Zusammenleben ohne Trauschein |
| Durchgestrichene Verbindungslinie | Trennung oder Scheidung |
| Senkrechte Linie nach unten | Gemeinsame Kinder (waagerecht nebeneinander angeordnet) |
| Doppelte Linie | Enge, sehr verbundene Beziehung |
| Zickzack-Linie | Konflikthafte, angespannte Beziehung |
| Unterbrochene Linie | Distanzierte Beziehung oder Kontaktabbruch |
| Durchgestrichenes Symbol (Quadrat/Kreis) | Verstorbene Person; oft mit Geburts- und Todesjahr |
Über die Linien hinaus arbeiten manche mit Farben, um die Beziehungsqualität zu verdeutlichen – etwa Rot für eine angespannte und Grün für eine gute, tragfähige Bindung. Eine feste Vorschrift ist das nicht; wichtig ist vor allem, dass die eigene Legende in sich stimmig bleibt.
Ein einfaches Genogramm selbst skizzieren
Für einen ersten Überblick brauchen Sie nicht mehr als ein Blatt Papier und einen Stift. Gehen Sie am besten Schritt für Schritt vor:
- Bei sich selbst beginnen: Zeichnen Sie sich als Quadrat oder Kreis – idealerweise etwa in der Mitte des Blattes, damit nach oben noch Platz für zwei weitere Generationen bleibt.
- Geschwister ergänzen: Fügen Sie waagerecht neben sich Ihre Geschwister hinzu, verbunden über die gemeinsame Elternlinie.
- Eltern und deren Geschwister: Eine Ebene darüber kommen Ihre Eltern, verbunden über eine Partnerlinie, dazu deren Geschwister (Ihre Tanten und Onkel).
- Großeltern: Ganz oben ergänzen Sie die Großeltern – damit stehen die drei Generationen.
- Beziehungen eintragen: Kennzeichnen Sie mit den besonderen Linien, welche Beziehungen eng, distanziert oder konflikthaft sind.
- Ereignisse notieren: Halten Sie stichwortartig wichtige Ereignisse fest – Geburts- und gegebenenfalls Todesjahre, Trennungen, Umzüge oder Berufe.
Eine solche Skizze ist bewusst einfach gehalten und muss nicht vollständig sein. Schon der Prozess des Zeichnens – das Nachfragen bei Verwandten, das Ordnen der Namen und Jahre – bringt oft neue Zusammenhänge ans Licht.
Wozu ein Genogramm in der Therapie dient
In der systemischen Familientherapie und Beratung ist das Genogramm ein häufig genutztes Arbeitsinstrument. Familie und Fachperson erstellen es meist gemeinsam und nutzen es als gemeinsame Landkarte, über die sich ins Gespräch kommen lässt. Sichtbar werden dabei vor allem:
- Muster über Generationen: wiederkehrende Rollen, Konflikte oder Themen, die sich – oft unbemerkt – weitergeben.
- Ressourcen: Stärken, verlässliche Bindungen und Vorbilder in der Familie, an die sich anknüpfen lässt.
- Zusammenhänge: wie einzelne Ereignisse und Beziehungen zusammenwirken und das Erleben im Hier und Jetzt prägen.
Wichtig ist: Ein Genogramm ist ein Werkzeug zum besseren Verstehen, kein diagnostischer Test. Es ersetzt weder eine ärztliche oder psychotherapeutische Abklärung noch eine Behandlung. Wer den Eindruck hat, dass die eigene Familie festgefahren ist, kann sich an eine systemische Beraterin oder einen Therapeuten wenden.
Bei akuten Krisen, Suizidgedanken oder Gewalt in der Familie warten Sie nicht auf einen Beratungstermin, sondern holen Sie umgehend Unterstützung: Notruf 112, der ärztliche oder psychiatrische Notdienst oder die Telefonseelsorge unter 0800 111 0 111 (kostenlos, rund um die Uhr).
Häufige Fragen
Was ist ein Genogramm?
Ein Genogramm ist ein grafischer Familien-Stammbaum, der meist drei Generationen umfasst. Anders als ein klassischer Stammbaum zeigt es nicht nur, wer mit wem verwandt ist, sondern macht auch Beziehungen, wiederkehrende Muster und wichtige Ereignisse sichtbar. Entwickelt wurde es unter anderem von Monica McGoldrick und Randy Gerson.
Was bedeuten die Symbole im Genogramm?
Ein Quadrat steht für einen Mann, ein Kreis für eine Frau. Waagerechte Linien verbinden Partner (Ehe, Trennung oder Scheidung), senkrechte Linien führen zu den Kindern. Für die Qualität einer Beziehung gibt es besondere Linien: eine doppelte Linie für eine enge, eine Zickzack-Linie für eine konflikthafte und eine unterbrochene Linie für eine distanzierte oder abgebrochene Beziehung.
Was ist der Unterschied zwischen Genogramm und Stammbaum?
Ein Stammbaum zeigt vor allem die Verwandtschaft – wer von wem abstammt. Ein Genogramm ergänzt diese Struktur um die Qualität der Beziehungen, um Rollen, Berufe, Krankheiten oder einschneidende Ereignisse. Dadurch werden Familiendynamiken und Muster über die Generationen hinweg erkennbar, nicht nur die Abstammung.
Wie erstellt man ein Genogramm?
Man beginnt am besten bei sich selbst, ergänzt waagerecht die Geschwister, darüber die Eltern und deren Geschwister und ganz oben die Großeltern – so entstehen drei Generationen. Anschließend trägt man mit den üblichen Symbolen die Verbindungen und die Qualität der Beziehungen ein und notiert wichtige Ereignisse wie Geburten, Todesfälle oder Umzüge.
Wofür wird ein Genogramm in der Familientherapie genutzt?
In der systemischen Familientherapie hilft ein Genogramm dabei, wiederkehrende Muster über Generationen zu erkennen – etwa Rollen, Konflikte, aber auch Ressourcen und Stärken einer Familie. Es dient als gemeinsame Landkarte, über die Familie und Fachperson ins Gespräch kommen. Es ist ein Arbeitsinstrument und ersetzt keine Diagnose oder Behandlung.
Kann ich ein Genogramm selbst erstellen?
Ja. Für einen ersten Überblick genügen Papier und Stift sowie die wenigen Grundsymbole. Schon eine einfache Skizze über drei Generationen kann helfen, die eigene Familie besser zu verstehen. In der Therapie oder Beratung wird das Genogramm anschließend gemeinsam mit einer Fachperson vertieft.
Quellen & Literatur
- McGoldrick M, Gerson R, Petry S. Genogramme in der Familienberatung. Standardwerk zur Genogramm-Arbeit und ihren Symbolen.
- Deutsche Gesellschaft für Systemische Therapie, Beratung und Familientherapie (DGSF). Informationen zu systemischen Methoden. Abgerufen 2026.

